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Würde –
wie von Schwarz-Gelb unlängst beschlossen - das Mindestalter für
Mopedfahrer auf 15 gesenkt, hätte das nach Auffassung der Opposition,
des ADAC, des DVR und der BASt einen unverantwortbaren Anstieg von
Unfällen mit Toten und Verletzten zur Folge. Als Beweis für die dunklen
Thesen des Bedenkenkartells muss Österreich herhalten, wo „Moped mit 15“
angeblich eine „gewaltige Blutspur“ hinter sich herzieht. Wer die
österreichische Unfallstatistik so selektiv bemüht, sollte sich nicht
scheuen auch zu erklären, weshalb die Alpenrepublik pro einer Million
Einwohner 26 Verkehrstote mehr zu beklagen hat als Deutschland.
An dem dort erst vor einem
knappen Jahr auf 15 gesenkten Mindestalter für Mopedfahrer kann das
nicht liegen. So viel ist jedoch sicher: Die in Österreich praktizierte
Ausbildung und Prüfung der Moped-Aspiranten ist mager und liegt weit
hinter den hierzulande geltenden Standards zurück.
Macht nur das
eine Jahr den Unterschied?
Die nun wohl auch in den
Bundesländern anhebende Diskussion darf nicht auf das Mindestalter
verkürzt werden. Die Erfahrungen mit dem am 1. April 1980 in
Baden-Württemberg gestarteten Mofa-Modell zeigen eindrucksvoll: Gute
Ausbildung kann gerade bei den jüngsten motorisierten
Verkehrsteilnehmern die Unfallgefahr deutlich und nachhaltig mindern.
„Trotz Prüfung
wissen Mofa-Fahrer zu wenig“
Unter dieser Überschrift
brachten die STUTTGARTER NACHRICHTEN am 4. Februar 1981 folgende
Meldung: „Auch der Führerschein (gemeint war die am 1. April 1980
eingeführte Mofa-Prüfbescheinigung, die Red.) verbessert das Verhalten
von Mofa-Fahrern im Straßenverkehr nicht nachhaltig. Eine Untersuchung
der Kölner Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) lässt den Schluss zu,
dass die bisher für den Erwerb der Prüfbescheinigung für Mofafahrer
verlangte theoretische Prüfung nicht ausreicht.“
Dieser Meldung lag eine
detaillierte Pressemitteilung der BASt zugrunde, die beim
Fahrlehrerverband Baden-Württemberg e.V. wie ein Fanfarenstoß ankam.
Noch immer haderten die Fahrlehrer mit dem Wort von der „driver
education“, das „Lau Lau“ (Dr. Lauritz Lauritzen, von 1972 bis 1974
Bundesminister für Verkehr) 1973 in das erste
Verkehrssicherheitsprogramm der Bundesregierung hineingeschrieben hatte.
Danach sollten die mit eben dieser „driver education“ von
„amerikanischen Schul- und Straßenverkehrsbehörden“ gemachten „guten
Erfahrungen“ ausgewertet und vom DVR zu einem Modellprogramm entwickelt
werden.
“fünfzig
Kubik“
Schon kurze Zeit später
ging in den Fahrlehrerverbänden die Fama rund, die BASt entwickle ein
Lehrprogramm für öffentliche Schulen zur Vorbereitung auf den
Führerscheinerwerb. 1979 brodelte es in der Gerüchteküche geradezu, denn
die BASt hatte unter der Bezeichnung „Einführung in den motorisierten
Straßenverkehr (EMS)” mit der Entwicklung eines Programms begonnen, das
– jedenfalls den Ondits zufolge – der „driver education“ endlich auch in
Deutschland den Durchbruch bringen sollte. Nebenbei erwähnt, manche
Verbandsfürsten liebten diese Gerüchte herzinnig, denn damit konnte man
Ängste schüren, von Ideenarmut ablenken und mit einfallslosem
Aktionismus brillieren. Bei näherem Hinsehen ergab sich indes, dass die
BASt unter dem Titel „fünfzig Kubik“ ein Programm schnürte, mit dem an
öffentlichen Schulen 14½-Jährigen das Mofa-Fahren beigebracht werden
sollte.
Zwei Millionen Mofas
1979 waren im (alten)
Bundesgebiet ca. zwei Millionen Mofas unterwegs. Der Blutzoll gerade
unter den Jüngeren war enorm. 1979 verunglückten (verletzt oder getötet)
alleine in Baden-Württemberg 1.940 „Mofler“. Der Fahrlehrerverband
Baden-Württemberg e.V. sah eine seiner Aufgaben darin, auch im Bereich
Mofa aktiv zur Minderung des Unfallgeschehens beizutragen. In einer
denkwürdigen Begegnung zwischen den für das EMS-Projekt Verantwortlichen
der BASt, allen voran Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz Lenz, und dem Beirat des
Verbandes wurde am 26. Oktober 1979 in Markelsheim vereinbart, in
Baden-Württemberg einen Großversuch mit Fahrschulen zur theoretischen
Schulung von Mofa-Aspiranten auf der Basis von EMS – fünfzig Kubik in
Angriff zu nehmen. Nach entsprechender Information der obersten
Landesverkehrsbehörde (seinerzeit das Innenministerium) und gemeinsamen
Beratungen mit dem ADAC, dem ACE, der Verkehrswacht und dem TÜV erließ
das IM am 3. März 1980 den sog. Mofa-Erlass, der für angehende
Mofa-Fahrer eine theoretische Ausbildung vorschrieb und diese zugleich
in die Hände der Fahrlehrer gab. Das Dekret der Landesregierung rief in
Bund und Ländern ähnlich unqualifizierte Kritik hervor wie einige
Jahrzehnte später der niedersächsische Vorstoß mit BF17.
Klare Erfolge
allein durch Theorie
Die Fahrschulen mussten
sich verpflichten, den theoretischen Unterricht für Mofa-Aspiranten nach
dem jugendspezifischen Programm „fünfzig Kubik“ getrennt von den übrigen
Fahrschülern zu erteilen. Wer das nicht wollte, konnte nicht mitmachen.
Manche Fahrschulen sträubten sich nicht nur dagegen, sondern auch gegen
das vertraglich festgelegte und nach ihrer Ansicht zu gering bemessene
Ausbildungsentgelt. Doch die überwiegende Mehrheit der Fahrschulen
machte engagiert mit und war von der Aufnahmebereitschaft und dem
Mitmachen der Kids begeistert. Schon im Herbst 1980 lag in
Baden-Württemberg die Zahl der bestandenen Mofa-Prüfungen weit über dem
Bundesdurchschnitt. Die ersten Erfolge an der Unfallfront machte das im
Juni 1981 vom ADAC Württemberg veröffentlichte
Tableau (aus FahrSchulPraxis Juni 1981, Seite 355)
zu Zweiradunfällen deutlich.
Mofa-Fahrer in
Baden-Württemberg sicherer
Durch den bisherigen
Erfolg ermutigt, schlugen der ADAC und der Fahrlehrerverband
Baden-Württemberg e.V. der Landesregierung am 15. Mai 1981 vor, im
Rahmen des Mofamodells auch eine praktische Ausbildung vorzuschreiben.
Die beiden Organisationen versprachen sich davon eine weitere Minderung
der Mofaunfälle. Im April 1982 konnte die FahrSchulPraxis berichten,
dass binnen zwei Jahren die Anzahl der schweren Mofa-Unfälle um 21,3%
zurückgegangen war. Zugleich berichtete die Zeitschrift über eine
Erhebung der BASt, wonach die Helmtragequote bei Mofa-Fahrern im
September 1981 in Baden-Württemberg bei 63%, im übrigen Bundesgebiet
jedoch nur bei 33% lag.
Die
Bundesregierung reagiert
Der spätere
Bundespräsident Roman Herzog, von 1980 bis 1983 baden-württembergischer
Innenminister, lobte das Mofa-Modell mit den Worten: „Das war mit das
Beste, was ihr je gemacht habt.“ In der Folgezeit nahm sich das
Bundesverkehrsministerium des Mofas an. Am 28. Februar 1985 wurde die im
Wesentlichen bis dato geltende Mofa-Verordnung im Bundesgesetzblatt
unter anderem mit folgender Begründung verkündet: „Alle gegenwärtigen
Erkenntnisse und Erfahrungen, insbesondere der erfolgreich verlaufene
Versuch im Lande Baden-Württemberg, weisen darauf hin, dass sich die
jugendlichen Mofa-Benutzer wesentlich besser im Straßenverkehr
zurechtfinden, wenn sie an einer theoretischen und praktischen
Ausbildung teilgenommen haben. So sind z.B. in Baden-Württemberg nach
der Einführung einer obligatorischen theoretischen Ausbildung für
Mofa-Fahrer die Unfallzahlen um rd. 20% zurückgegangen.“
Mehr Mut für
bessere Lösungen
Das Mofa ist nicht mehr
zeitgemäß, weil es namentlich im innerörtlichen Verkehr von heute nicht
mehr mithalten kann. Das um nominell 20 km/h schnellere Moped ist
deshalb, insbesondere auch wegen der erheblich höherwertigen praktischen
Ausbildung, weniger gefährlich als Mofafahren. Die Ausbildung stellt im
Zusammenwirken mit der theoretischen und praktischen Prüfung eine
optimale Vorbereitung auch der 15-Jährigen sicher. Bis heute ist
nirgendwo wissenschaftlich zuverlässig dokumentiert, dass 15-Jährige
weniger sorgsam mit ihnen übertragener Verantwortung umgehen als um ein
Jahr ältere. „Moped mit 15” wäre vor allem im ländlichen Raum für viele
Jugendliche eine vernünftigere und sicherere Lösung ihres
Mobilitätsproblems als das Mofa.
Orakeln statt
Fortschritt
Als 1965 das Mofa ohne
Ausbildung und Prüfung für 15-Jährige freigegeben wurde, wäre ein
Aufschrei, wie er jetzt durch die Medien rauscht, weit mehr angebracht
gewesen. Dabei wird übersehen, dass Jugendliche heute in einer
Verkehrsumwelt aufwachsen, die das Bewusstsein für die Gefahren des
Straßenverkehrs schon in der frühen Kindheit weit mehr als damals
fördert und fordert. Unheil verheißendes Orakeln ist hierzulande
populär. Deshalb braucht man in Deutschland für fortschrittliche
Veränderungen oft einen sehr langen Atem. An „Moped mit 15“ sollte man
um der sicheren Mobilität unserer Jugendlichen willen unbedingt
dranbleiben.
Gebhard
L. Heiler
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