Biokraftstoff – Verwirrung um E10

© FahrSchulPraxis - Entnommen aus Ausgabe April/2011, Seite 216

Seit Jahresbeginn wird an Deutschlands Tankstellen die neue Kraftstoffsorte E10 angeboten. Damit sollen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) vermindert werden. Doch viele Autofahrer machen trotz E10-Gipfel einen großen Bogen um das neue Benzin und bleiben lieber beim teureren Superbenzin.

Um es vorweg zu sagen: Die meisten Benziner der Fahrschulen sind für die Verwendung von E10 uneingeschränkt geeignet. Fahrlehrer sollten deshalb durchaus mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kunden das Tanken des umweltschonenden Kraftstoffs empfehlen.

Rechtsgrundlage

Die Europäische Union hat die Mitgliedstaaten verpflichtet, bis spätestens im Jahr 2020 die höhere Beimischung von Ethanol zu mineralischen Kraftstoffen umzusetzen. Den rechtlichen Rahmen für die Einführung von E10 bildet die Richtlinie 2009/30/EG vom 23. April 2009 zur Änderung der EU-Kraftstoffqualitätsrichtlinie 98/70/EG. In Deutschland erfolgte die Umsetzung im Rahmen des 9. Gesetzes zur Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes. Das verpflichtet die Benzinhersteller, den schon bisher im Ottokraftstoff vorhandenen Anteil von fünf Prozent Ethanol (E5) auf zehn Prozent (E10) zu erhöhen.

Strittiger Klimaschutz?

Der eingangs erwähnte positive Klima-Effekt ist nicht unumstritten. So nennt beispielsweise der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Einführung von E10 „Mogelpackung“ und „Verbrauchertäuschung“. Warum? Weil die Ausgangsprodukte landwirtschaftliche Erzeugnisse (Zuckerrüben, Getreide) seien, für deren Anbau vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern Wälder gerodet werden müssten. Außerdem würden für die Produktion und den Transport von E10 fossile Brennstoffe eingesetzt. Das lasse unterm Strich sogar eine höhere CO2-Emission als durch die Verbrennung von fossilem Sprit befürchten.

Höherer Verbrauch und häufigere Ölwechsel?

Der ADAC meint, mit E10 steige der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch um ca. 1,5 Prozent. Ursache dafür sei die gegenüber fossilen Kraftstoffen geringere Energiedichte von Ethanol. Zur Verunsicherung der Autofahrer hat auch eine Meldung von BMW beigetragen. Der Leiter der Mechanikentwicklung des bayerischen Fahrzeugherstellers, Thomas Brüner, wurde in der Welt am Sonntag vom 6. März 2011 zu E10 wie folgt zitiert: „Das Wasser kondensiert aus den Verbrennungsgasen und gelangt ins Öl, das dadurch verdünnt wird und schneller altert.“ Und weiter: Je nach Land und der dort verfügbaren Kraftstoffqualität könne es daher sein, „dass wir die Ölwechselintervalle verkürzen müssen“. Ebenso wird kolportiert, der in E10 enthaltene Alkohol könne bestimmte Kunststoffe in Schläuchen und Dichtungen angreifen und langfristig Schäden verursachen.

Die meisten neueren Autos vertragen E10!

Trotz dieser Kassandrarufe ist sicher, dass die meisten neueren Fahrzeuge problemlos mit E10 betrieben werden können; das Umweltbundesamt geht von einer Quote von 93 Prozent aller Fahrzeuge mit Ottomotor aus. Der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK) vermutet allerdings, dass in Deutschland etwa drei Millionen Pkw und eine Million Zweiräder von E10 „Schluckbeschwerden“ bekommen könnten. Deshalb ist jedem Verkehrsteilnehmer zu raten, sich vor dem Tanken des neuen Kraftstoffs über die E10-Verträglichkeit seines Fahrzeugs zu erkundigen.

Auskunft vom Hersteller oder im Internet

Eine Nachfrage beim Hersteller oder beim Händler bringt schnell Klarheit. Außerdem sollen bald an allen Tankstellen „Verträglichkeitslisten“ zur Einsicht ausgelegt werden. Ganz einfach geht’s auch im Internet. Die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) hat unter dem Link http://www.dat.de/e10liste/e10vertraeglichkeit.pdf eine aktuelle Liste ins Netz gestellt. Neben zahlreichen Hintergrundinformationen und Web-Links zur E10-Problematik findet man dort eine übersichtliche, nach Herstellern und Fahrzeugtypen sortierte Verträglichkeitsliste, die Informationen zu sämtlichen Pkw-Typen und zu zahlreichen Motorrädern enthält.

Jochen Klima