
EDITORIAL: Plädoyer für leichtere Sprache
Liebe Leserinnen und Leser,
jeder zweite fällt bei der theoretischen Fahrerlaubnisprüfung durch! Das ist eines der Hauptargumente für eine Kürzung des Fragenkatalogs der Theorieprüfung. Anders ausgedrückt: In der Hoffnung, die Quote zu verbessern, senkt man einfach die Anforderungen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das erinnert an die Abschaffung einer Mindestleistung, um bei den Bundesjugendspielen eine Sieger- oder Ehrenurkunde zu erlangen. Wettkampf und Ehrgeiz scheinen offensichtlich nicht mehr zeitgemäß zu sein.
Aber stimmt die Nichtbestehens-Quote von 50 Prozent überhaupt? Eine genauere Betrachtung der auf Seite 260 dieser Ausgabe veröffentlichten Zahlen des TÜV SÜD zeigt ein anderes Bild: Fast zwei Drittel – nämlich 65,4 Prozent aller Bewerber – bestehen die Theorieprüfung beim ersten Anlauf. Die Bestehens-Quote für alle durchgeführten Prüfungen rutscht nur deshalb auf annähernd knapp über 50 Prozent ab, weil Bewerber, die beim ersten Mal durchfallen, auch mehrere Wiederholungsprüfungen nicht bestehen.
Aber gäbe es überhaupt Möglichkeiten, die Bestehensquoten bei den Erstprüfungen zu verbessern? Da fallen mir spontan zwei ein: Zum einen ist das die Einführung von obligatorischen Lernstands-Kontrollen und Prüfungsreifefeststellungen – zwei Werkzeuge, die unser Bundesverkehrsminister im Rahmen der geplanten Reform der Fahrausbildung ersatzlos streichen will. Aber genau damit könnte man sicherstellen, dass nur Bewerber antreten, die eine reelle Chance haben, die Prüfung auf Anhieb zu bestehen.
Und ebenso sinnvoll wäre es, die im Fragenkatalog für viele Menschen schwer verständliche, juristisch „verquaste“ Behördensprache zu vereinfachen. Oder – wo immer möglich – auf die bei der Ausbildung von Menschen mit Handicap verwendete „Leichte Sprache“ zurückgreifen. Ein Großteil der Bewerber um eine Fahrerlaubnis kann mit Begriffen wie Verkehrsspitzen, Fahrbahnsenken oder Spurrillen – aber auch mit dem Begriff „Powersound“ als Synonym für laute Musik im Auto – nicht viel anfangen.
Dazu passt, dass die „Herrin der Prüfungsfragen“, die TÜV | DEKRA arge tp 21, derzeit damit experimentiert, die Fragen künftig viel mehr über bildliche Darstellungen zu erläutern, anstatt sie mit ausführlichen, aber manchmal schwer verständlichen sprachlichen Erläuterungen zu komplizieren.
In diesem Sinne grüßt Sie sehr herzlich
Ihr
Jochen Klima
Foto: Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg e.V.
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