"Fahrzeugauswahl nimmt in allen Segmenten zu": VDA Präsidentin Hildegard Müller im Interview
Keine Krise der Automobilindustrie, sondern vielmehr eine Krise des Produktionsstandortes sieht VDA Präsidentin Hildegard Müller im nachfolgenden Gespräch mit FPX Redakteurin Isabella Finsterwalder. Sie fordert Berlin und Brüssel dringend auf, gegenzusteuern und alles zu unternehmen, was Wachstum schafft.
FPX: Wer die Medien verfolgt, kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich die deutsche Automobilbranche quasi im Niedergang befindet. Ist das Bild gerechtfertigt?
Hildegard Müller: Wir erleben keine Krise der Automobilindustrie, sondern zuallererst eine Krise des Produktionsstandortes. Die Unternehmen sind mit ihren Produkten international weiter wettbewerbsfähig, der Wirtschaftsstandort Deutschland und Europa aber hat in den vergangenen Jahren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Teure Energie, hohe Steuern und Lohnkosten, marode Infrastruktur, lange Planungs- und Genehmigungsverfahren – die Liste der Probleme ließe sich fortführen. Diese Standortkrise trifft die gesamte europäische Industrie. Ihre Folgen werden zunehmend dramatischer. Die Politik in Berlin und auch in Brüssel muss dringend gegensteuern. Alles, was Wachstum schafft, muss ganz oben auf die Agenda.
Sehen Sie in der derzeitigen Situation der Branche inklusive der Zulieferer vor allem eine Folge der Transformation oder tatsächlich Ausdruck eines Wettbewerbsverlustes? Und was muss die Zulieferbranche tun, um in einem sich weiter verändernden Markt bestehen zu können?
In der Tat befindet sich die Automobilindustrie durch die Transformation zur klimaneutralen und digitalen Mobilität in einem tiefgreifenden Wandel. Die Zulieferer sind Treiber dieses Wandels und liefern zuverlässige Spitzenqualität, die weltweit gefragt ist. Gleichzeitig stehen viele vor einer großen Herausforderung und auch die Zahl der Arbeitsplätze wird sich dadurch verringern, da die Elektromobilität eine andere Beschäftigungstiefe erfordert als die Verbrennertechnologie. Aber unsere Mitglieder stemmen sich gegen diese Entwicklungen. Sie entwickeln neue Geschäftsmodelle und Produkte für die E-Mobilität, während sie noch weiter Komponenten für den Verbrennungsmotor bauen, dessen Erlöse sie einsetzen, um die Transformation und neue Geschäftsmodelle zu finanzieren.
Doch der Markthochlauf bei der E-Mobilität ist wegen der unzureichenden Rahmenbedingungen – wie z.B. der Ladeinfrastruktur – noch nicht da, wo er sein muss. Die Transformation scheitert also nicht am Willen der Industrie, sondern droht an den Bedingungen des Standorts zu scheitern. Das zeigt auch eine aktuelle VDA Umfrage im automobilen Mittelstand: Die Investitionstätigkeit in Deutschland ist schwach, Beschäftigung hierzulande muss abgebaut werden und Aufbau findet fast ausschließlich im Ausland statt. Das verdeutlicht, dass besonders die Standortbedingungen darüber entscheiden, wo die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen.

DA Präsidentin Hildegard Müller, Foto: VDA Butzmann
Worin sehen Sie die nach wie vor größten Stärken der deutschen Automobilindustrie?
Die größten Stärken liegen in der Ingenieurskunst, in der Systemintegration und in der Fähigkeit, komplexe Technologien zu einem überzeugenden Gesamtfahrzeug zu verbinden – und dies verbunden mit Gespür für die spezifischen Bedarfe der Kundinnen und Kunden. Auch beim Thema Sicherheit liegt unsere Industrie ganz vorne. Wichtiger Schlüssel für den Erfolg ist zudem die Innovationskraft der Unternehmen auf dem Weg zur klimaneutralen und digitalen Mobilität, die sich auch in diesen Daten zeigt: Unter den zehn Unternehmen mit den meisten Patentanmeldungen in Deutschland waren 2025 ausschließlich Unternehmen aus der Automobilindustrie. Eine weitere große Stärke unserer Industrie ist das Netzwerk aus Herstellern und Zulieferern, das gleichzeitig auch ein Plus des Standorts Deutschland ist.
Ein häufiger Vorwurf lautet, die deutschen Hersteller hätten den Trend zum E-Auto verschlafen. Wie sehen Sie das?
Im Gegenteil, wir sind Treiber des Wandels. Das zeigen auch die Investitionen. Allein zwischen 2026 und 2030 investieren die Hersteller und Zulieferer weltweit zusätzlich rund 320 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung sowie weitere 220 Milliarden Euro in Sachinvestitionen, besonders den Umbau der Werke. Auch vergrößert sich die Modellauswahl ständig. Schon heute bieten die deutschen Hersteller allein hierzulande rund 110 verschiedene E-Modelle an. Aber bei den Rahmenbedingungen ist noch viel zu tun. Es braucht insbesondere mehr öffentliche Ladepunkte, einen Ausbau der Stromnetze und günstigeren Ladestrom. Hier sind vor allem die Politik und die Energiewirtschaft gefragt. Was in der öffentlichen Wahrnehmung noch zu wenig Beachtung findet: Auch die Nutzfahrzeughersteller treiben die klimaneutrale Mobilität entschlossen voran. Die deutschen Hersteller bieten für alle Fahrzeugkategorien CO²-neutrale, innovative Lösungen an.
Nun kommt ein Modell von einem deutschen Hersteller für unter 25.000 Euro auf den Markt und die Industrie kommt dem Wunsch der Kunden nach, endlich günstige heimische E-Autos anzubieten. Macht Ihnen so etwas Mut, dass deutsche Hersteller ihre Wettbewerbsposition im Zeitalter der Elektromobilität behaupten werden?
Das Beispiel zeigt, mit welcher Entschlossenheit unsere Industrie den Wandel vorantreibt und die Auswahl für die Verbraucherinnen und Verbraucher in allen Segmenten zunimmt. Das ist natürlich eine gute Nachricht. Denn wir sind überzeugt, dass die Mobilität der Zukunft überwiegend elektrisch sein wird. Gleichzeitig braucht es auch andere Lösungen.
Was meinen Sie genau damit?
Dass die Politik keine Technologien auf dem Weg zur klimaneutralen Mobilität ausschließen darf. Range Extender, Plug-in-Hybride und hocheffiziente Verbrennerfahrzeuge, zunehmend betrieben mit klimaneutralen Kraftstoffen – all diese Technologien werden weltweit eine Rolle spielen und dies muss auch in Europa möglich sein. Das ist entscheidend für Wohlstand, für den Erhalt von Arbeitsplätzen und für das Klima. Wir stehen zu den europäischen Klimazielen. Entscheidend ist aber, dass Klimaschutz durch Innovation und Technologieoffenheit erreicht wird, nicht durch Verbote. Die Menschen müssen überzeugt werden – nicht durch Verbote verunsichert.
Frau Müller, vielen Dank für das Gespräch.
Isabella Finsterwalder
Zum Inhalt der FahrSchulPraxis Ausgabe September 2026...

