Oliver Waldmann, Fahrschule Wiener, im Gespräch: Digital durchstarten - Große Chancen für Fahrschule 4.0
Digitale Veränderungen prägen unseren Alltag heute durch und durch. Wie aufgeschlossen sind Fahrschulen gegenüber der Digitalisierung, wie weit ist sie in den Unternehmen fortgeschritten und welche Potenziale sind – insgesamt betrachtet – in der Branche zu heben? Mit diesen Fragen hat sich Oliver Waldmann von der Fahrschule Wiener in seiner Bachelorarbeit systematisch befasst. FPX-Redakteurin Isabella Finsterwalder sprach mit Oliver Waldmann über die Ergebnisse seiner Abschlussarbeit.
FPX: Sie haben sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema „Digitalisierung im Fahrschulwesen“ beschäftigt. Was war für Sie der Auslöser, um sich mit diesem Thema tiefgehender auseinanderzusetzen? Und: Wie lauten die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus Ihrer Untersuchung mitnehmen konnten? Was kann die Branche allgemein daraus lernen?
Oliver Waldmann: Mein Vater führt seit mehr als 30 Jahren eine Fahrschule. Ich bin praktisch mit dem Thema aufgewachsen. Nach einem kurzen Umweg bin ich schließlich selbst in das Familienunternehmen, die Fahrschule Wiener, eingetreten. Da ich schon immer ein starkes Interesse an digitalen Themen hatte, war für mich bald klar, dass sich dies ideal mit der Fahrschule verbinden lässt. Ziel meiner Arbeit war es, systematisch zu untersuchen, wie aufgeschlossen Fahrschulen gegenüber digitalen Veränderungen sind, wo sie heute stehen und welches Potenzial für die Branche insgesamt besteht.
Welche Chancen ergeben sich konkret aus der Digitalisierung für Fahrschulen, ihre Fahrlehrerinnen und -lehrer, die Ausbildungsprozesse sowie Fahrschülerinnen und -schüler?
In der Datenerhebung konnten mehrere zentrale Chancen identifiziert werden. An oberster Stelle steht die Effizienzsteigerung durch Automatisierung. Gerade für Fahrschulen, die unter steigenden Kosten leiden, bieten digitale Tools einen erheblichen Wettbewerbsvorteil – etwa eine volldigitalisierte Online-Anmeldung, die die Mitarbeiter im Büro zeitlich entlastet.
Auch für Fahrschüler ergeben sich deutliche Vorteile im Lernprozess. Durch den flexiblen Zugang über mobile Endgeräte, unabhängig von Ort und Zeit, kann die Lerneffizienz und damit die Lernqualität steigen. Während früher Lernbogen in Papierform kaum eine systematische Lernkontrolle ermöglichten, erlauben Lern-Apps heute eine gezielte Auswertung des Lernfortschritts. Dadurch können Fahrschulen Prüfungsanmeldungen besser steuern, was wiederum die Quote bestandener Prüfungen erhöht und Gebühren für Wiederholungsprüfungen vermeidet.
Wo liegen in der Digitalisierung die größten Herausforderungen für die Branche? Wie sollte diesen effizient begegnet werden?
An erster Stelle lassen sich hier die politischen Entwicklungen nennen. Das bestätigte vor allem der langjährige Fahrschulinhaber im Rahmen unseres Interviews für meine Bachelorarbeit. Nehmen wir den Fahrsimulator: Ihn gibt es bereits seit einigen Jahren, dennoch spricht man erst jetzt über eine mögliche Anrechnung von Simulatorstunden in der Führerscheinausbildung. Ähnlich verhält es sich beim Online-Theorieunterricht. Die Pandemie hat uns gezeigt, was technisch alles möglich ist. Umso mehr stellt sich die Frage, warum anschließend wieder konsequent auf strikten Präsenzunterricht zurückgegangen wurde und warum nicht zumindest die Möglichkeit besteht, einen Teil der Theorie online zu absolvieren. Eine weitere große Herausforderung sind fehlende digitale Schnittstellen zwischen den Verwaltungsprogrammen der Fahrschulen und den zuständigen Behörden. Gerade beim Führerscheinantrag wäre es sinnvoll, diesen digital, zum Beispiel direkt über die Lern-App, beim Landratsamt einreichen zu können. Die gesetzlichen Voraussetzungen dafür sind grundsätzlich sogar vorhanden. Fahrschulen sollten die Trends am Markt daher mit wachsamen Augen verfolgen und Veränderungen, auch wenn sie zunächst unangenehm erscheinen, sehr genau beobachten und einordnen.
Für Ihre Arbeit haben Sie mit mehreren Experten Interviews geführt. Wie lauten die zentralen Aussagen der verschiedenen Branchenvertreter? Gab es eine gemeinsame Klammer oder lassen die Digitalisierung und die KI die Meinungen weiter auseinanderdriften?
Die Aussagen der Experten waren äußerst aufschlussreich. Befragt wurden ein Fahrschulinhaber, ein Behördenvertreter, ein Verbandsvertreter sowie eine Software-Expertin.
Die Experten brachten unterschiedliche Blickwinkel in puncto Digitalisierung ein. Einige verstanden darunter vor allem technische Neuerungen, andere sahen sie stärker als prozessorientierten und strategischen Wandel. Trotz dieser Unterschiede bestand eine klare gemeinsame Klammer: Digitalisierung wurde von allen als notwendig und grundsätzlich positiv für die Fahrschulbranche bewertet. Unterschiede zeigten sich weniger im Ob, sondern im Wie. Vor allem Behörden- und Verbandsvertreter betonten, dass Digitalisierung schrittweise erfolgen müsse, um Mitarbeitende und Fahrschüler mitzunehmen und die Verkehrssicherheit nicht zu gefährden. Auch beim Thema Künstliche Intelligenz zeigte sich kein Auseinanderdriften der Meinungen. KI wurde als große Chance gesehen, etwa zur Effizienzsteigerung und besseren Lernstandskontrolle, jedoch klar als unterstützendes Werkzeug und nicht als Ersatz für den Menschen.
Welche Veränderungsprozesse erwarten Sie sich durch Künstliche Intelligenz in der Fahrschulbranche? Mehr Pros oder Contras?
Die Möglichkeiten von KI sind theoretisch nahezu grenzenlos. Bereits heute zeigen Systeme wie ChatGPT, welche Veränderungen in kurzer Zeit möglich sind. Aktuell wird in Lernprogrammen nur eine sehr einfache Form von KI eingesetzt, doch hier ist in den kommenden Jahren mit deutlichen Weiterentwicklungen zu rechnen, so die Software-Expertin vom Vogel Verlag. Neben dem Lernen könnten auch die Einsatzplanung von Fahrlehrern, Büroprozesse und Kundenanfragen erheblich optimiert werden. Gleichzeitig birgt KI auch Risiken, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Insgesamt überwiegen aus meiner Sicht jedoch klar die Chancen.
Digitalisierung, KI und Führerscheinkosten: Inwieweit kann Digitalisierung und KI zu geringeren Kosten der Fahrschulausbildung beitragen, ohne das Thema Verkehrssicherheit zu beschneiden?
Ich glaube sogar, dass eher das Gegenteil der Fall ist, also die Kosten tendenziell steigen werden: Je besser Digitalisierung und KI eingesetzt werden, desto mehr können diese Instrumente unterstützen, allerdings nicht im Sinne klassischer Preissenkungen. Ich sehe nicht, dass Fahrschulen einzelne Preispositionen einfach reduzieren können. Wenn man sich die stetig steigenden Spritpreise, höheren Mieten, Löhne, Leasing- und Versicherungskosten anschaut, wird schnell klar, welche enormen Kosten pro Fahrstunde anfallen.
Und nicht zu vergessen: Ein Unternehmen muss auch Gewinn erwirtschaften, um überhaupt dauerhaft bestehen zu können. An diesen Faktoren können Fahrschulen nichts ändern. Ich sehe die Digitalisierung daher eher als Unterstützung der bestehenden Angebote in der Führerscheinausbildung. In der Theorie ist das digitale Lernen bereits sehr weit fortgeschritten. Je intuitiver und verständlicher die Lerneinheiten werden, desto leichter fällt es den Schülern, die über 1.000 Prüfungsfragen zu verstehen und zu behalten. In der Praxis können viele Grundlagen bereits am Simulator erlernt werden. Das verbessert erfahrungsgemäß den Einstieg in die Fahrstunden im Realverkehr deutlich. Dadurch können Fahrstunden effizienter genutzt werden, was sich indirekt auch positiv auf die Gesamtkosten der Ausbildung auswirken kann.
Inwieweit werden die Themen Digitalisierung und KI die Fahrschüler-Ausbildungsordnung verändern? Ist letztlich auch der digitale Führerschein eine logische Folgerung aus der Digitalisierung? Welche weiteren naheliegenden Veränderungen erwarten Sie sich?
Absolut, der digitale Führerschein ist durchaus eine logische Schlussfolgerung. Die Fahrschüler-Ausbildungsordnung sollte so weiterentwickelt werden, dass digitale Tools gezielt integriert werden können. Sie sollte den Weg ebnen, damit sich neue digitale Tools ergeben, welche die Ausbildung erheblich verbessern werden, nur so lassen sich die Beträge für Schüler senken. Der digitale Führerschein ist hierbei ein tolles Beispiel. Es könnte den Buchungsprozess bei praktischen Prüfungen deutlich vereinfachen.
Lassen Sie uns noch einen letzten konkreten Blick in die Zukunft wagen: Wie werden die Digitalisierung sowie KI Ihrer Überzeugung nach insgesamt die Branche verändern? Wird es eher eine Revolution oder Evolution sein?
Meiner Überzeugung nach erleben wir hier einen Mix aus Revolution und Evolution. Wir werden das Rad nicht neu erfinden, die grundlegende Struktur der Führerscheinausbildung bleibt bestehen, wird jedoch durch digitale Tools optimiert. Die von mir interviewten Expertinnen und Experten haben hier verschiedene Ausblicke gegeben. Beispielsweise könnten laut Fahrschulinhaber irgendwann Theorieprüfungen digital von daheim aus mit entsprechender Legitimation durchgeführt werden. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass Teile der theoretischen Ausbildung vollständig digital stattfinden. Auch der Simulator gewinnt an Bedeutung durch die Anrechenbarkeit seiner Stunden, dass sogar die Schaltkompetenzüberprüfung darüber stattfinden kann. Mit KI ist es sicher möglich, den Simulator so auszustatten, dass er beliebig viele Verkehrssituationen darstellen kann, um den Realverkehr noch besser zu simulieren.
Wenn Sie es abschließend auf den Punkt bringen: Wird die digitale Transformation den Menschen je ersetzen können?
Die digitale Transformation ist ein äußerst wichtiger Weg. Diesen sollte jede Fahrschule mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgen. Dennoch: Auch künftig wird es zahlreiche Situationen geben, in denen KI oder Digitalisierung den menschlichen Kontakt niemals ersetzen können. So wird keine noch so kluge KI in der Lage sein, an die Stelle eines gut ausgebildeten und erfahrenen Fahrlehrers zu treten, der mit seiner Reaktionsfähigkeit bei einem Unfall instinktiv die Situation bewerten und in den Verkehr eingreifen kann oder einen ängstlichen Schüler dazu bringen kann, mehr an sich selbst zu glauben. Hier gilt es, klar das eine vom anderen zu unterscheiden und nicht die gesamte Last unserer Arbeit auf die Schultern von Digitalisierung und KI zu legen. Wir sollten vielmehr digitale Tools so differenziert und sinnvoll einsetzen, dass die Ausbildung für Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer sowie Fahrschülerinnen und -schüler erleichtert wird. Nicht mehr und nicht weniger.
Foto: privat
Oliver Waldmann - Zur Person
Oliver Waldmann hat einen Bachelorabschluss in BWL mit Schwerpunkt Digital Business an der Internationalen Hochschule erworben und ist im Familienunternehmen, Fahrschule Wiener, zuständig für Verwaltung, Administration und Büro. Mit dem Thema Fahrschule ist Oliver Waldmann seit Kindesbeinen vertraut. So hat sein Vater vor 30 Jahren das Unternehmen Fahrschule Wiener gegründet.



