27.08.2026© FahrSchulPraxis - Entnommen aus Ausgabe August 2026, Seite 470

"Platz da!" - Verkehrsregeln damals und heute: Verkehrssicherheit hat kein Verfallsdatum

Egal, ob Pferdekutsche oder Elektroauto: Wer sich gemeinsam mit anderen auf Straßen bewegt, braucht Spielregeln. Damit kein Mensch im Straßenverkehr leichtfertig ums Leben kommt, legten schon im Jahr 1825 die preußischen Behörden Vorschriften für den Straßenverkehr fest. Verkehrssicherheit ist seit damals im Fokus. Ein Blick in den Rückspiegel der Geschichte macht zudem einmal mehr deutlich, warum Verkehrsregeln für die Vereinbarkeit von Freiheit und Mobilität Grundvoraussetzung sind und warum es eine funktionierende Mobilität ohne kompetente Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer nicht geben kann.

 

Die Diskussion um Tempo, Rücksichtnahme, Verkehrssicherheit und ein geordnetes Miteinander ist keine Erfindung unserer Zeit. Schon 1825 erließ das Königlich-Preußische Gouvernements- und Polizeipräsidium detaillierte Vorschriften für Kutschen und Fuhrwerke (vgl. Kasten 1). Anhand dieser am 21. Oktober 1825 in den „Berlinischen Nachrichten“ veröffentlichten Bekanntmachung zeigt sich: Die Grundidee der Vision Zero ist weitaus älter als das Auto selbst. Sie ergibt sich als logischer Schluss aus einem möglichst reibungslosen wie unfallfreien und rücksichtsvollen Miteinander im Bereich der Mobilität.

 

Regelbasiertes Verhalten vom Hufschlag zum Motorengeräusch
Der Blick auf das Geschehen vor 200 Jahren, als Pferdekutschen mit geringer Geschwindigkeit auf Feld- und Pflasterstraßen unterwegs waren und auch das Verkehrsaufkommen minimal war, lässt zunächst keine Vergleichbarkeit mit der heutigen Zeit erwarten. So sind heute täglich Millionen Autos, Lkw, Motorräder und E-Bikes mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Was zunächst jedoch wie völlig unterschiedliche Welten erscheint, eröffnet auf den zweiten Blick nahezu identische Grundlagen. Zwar haben sich rund 200 Jahre nach Bekanntgabe der Vorschriften für den Straßenverkehr durch eine preußische Behörde Fahrzeuge, Straßen und Geschwindigkeiten grundlegend verändert, das Ziel der Verkehrsregeln ist gleichwohl dasselbe geblieben: Sicherheit, Rücksichtnahme und ein geordnetes Miteinander, um nur wenige Stichworte heranzuziehen.

Mit der Industrialisierung und später mit dem Automobil wurden die Vorschriften zwar sukzessive angepasst und erweitert, doch auch die heutige Straßenverkehrsordnung (StVO) basiert auf dem gleichen Grundgedanken wie damals und der lautet: „Alle sollen sicher ankommen.“

 

Richard Goebelt: Fahrschulausbildung als entscheidende Übersetzungsarbeit
Für Richard Goebelt, Mitglied der Geschäftsführung und Fachbereichsleiter Fahrzeug und Mobilität des TÜV-Verbands e.V., zeigt der Blick auf 1825, dass Verkehrssicherheit nie statisch war. Vielmehr verändere jede technische Entwicklung die Risiken und verlange neue Antworten – von der Pferdekutsche über das Automobil bis zum automatisierten, vernetzten und softwaredefinierten Fahrzeug. Geblieben sei der zentrale Gedanke: Mobilität braucht Vertrauen. Dieses Vertrauen entstehe dort, wo Technik beherrschbar, Regeln verständlich, Prüfungen verlässlich und Verantwortlichkeiten klar sind.

 

Richard Goebelt, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Fachbereichs Fahrzeug und Mobilität des TÜV-Verbands e.V. (Foto: © Tobias Koch)
Die 200 Jahre alte Berliner Bekanntmachung erinnert Goebelt daran, dass Verkehrssicherheit immer eine Kulturleistung ist: 1825 mit „Platz da“, Schrittgeschwindigkeit und Zügel in der Hand – heute mit Vision Zero, Safe System, digitaler Fahrzeugsicherheit und lebenszyklusorientierter Verantwortung. Der Anspruch ist gewachsen, doch der Kern bleibt derselbe: Mobilität darf nicht auf Kosten von Leben und Gesundheit gehen. Goebelt: „Verkehrssicherheit entsteht nie nur an einer Stelle. Sie entsteht im Zusammenspiel von Regeln, Technik, Qualifikation, Infrastruktur, Kontrolle und Verantwortung. Die Fahrerlaubnisprüfung, die technische Überwachung, die Bewertung neuer Fahrzeugtechnologien und die Weiterentwicklung europäischer Sicherheitsanforderungen sind keine bürokratischen Anhängsel der Mobilität. Sie sind Teil des Sicherheitsversprechens, das eine moderne Gesellschaft ihren Bürgerinnen und Bürgern gibt. Für Fahrschulen hat diese Geschichte eine besondere Bedeutung. Verkehrsregeln werden erst dann wirksam, wenn Menschen sie verstehen, akzeptieren und im Alltag anwenden können.

Ausbildung ist deshalb mehr als Vorbereitung auf eine Prüfung. Sie ist Übersetzungsarbeit zwischen Recht, Technik und Verhalten. Wer heute Fahranfängerinnen und Fahranfänger ausbildet, vermittelt nicht nur Vorfahrt, Geschwindigkeit oder Verkehrszeichen, sondern eine Sicherheitskultur: vorausschauend fahren, Risiken erkennen, schwächere Verkehrsteilnehmer schützen, Technik richtig nutzen und die eigene Verantwortung annehmen.

 

Kirsten Lühmann: Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer haben eine Schlüsselrolle
Auf den Punkt bringt es Kirsten Lühmann, die Präsidentin der Deutschen Verkehrswacht e.V., wenn sie sagt: „Bevölkerungswachstum und technischer Fortschritt erhöhten schon weit vor dem Automobil die Komplexität und damit auch die Herausforderungen im Straßenverkehr. Die mobile Gesellschaft brauchte sinnvolle Regeln für das sichere Miteinander. Das Regelwerk schafft effiziente und leistungsfähige Strukturen, gibt Orientierung und Schutz. Es musste bis heute mit dieser Entwicklung mithalten.“

 

Kirsten Lühmann, Präsidentin Deutsche Verkehrswacht (©Verkehrswacht/Foto: Urban)

Mit Blick auf die ehrgeizigen Ziele der Vision Zero ergänzt Lühmann:

 

„Mit der Vision Zero verfolgen wir das klare Ziel, dass Verkehrsteilnehmende weder ihr Leben verlieren noch schwer verletzt werden. Dazu braucht der mobile Mensch angemessene Rahmenbedingungen – nicht nur infrastrukturell oder technisch, sondern eben auch durch Gesetze. Auch sie müssen diesem Ziel verpflichtet sein.“ Wie wichtig in diesem Kontext Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer sind, weiß die Präsidentin der Deutschen Verkehrswacht e.V. nur zu gut: „Schließlich muss sich aber der Mensch selbst innerhalb dieses Rahmens richtig und sicher bewegen. Genau hier kommt den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern eine Schlüsselrolle zu. Sie vermitteln nicht nur die Regeln des Straßenverkehrs oder die technische Beherrschung eines Fahrzeugs. Sie prägen genauso Einstellungen und Werte. Wer in der Fahrausbildung lernt, aufmerksam, rücksichtsvoll und vorausschauend zu handeln, entwickelt Kompetenzen, die weit über die Führerscheinprüfung hinausreichen. Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer legen damit einen wichtigen Grundstein für eine Sicherheitskultur, in der Verantwortung, gegenseitige Rücksichtnahme und Respekt selbstverständlich sind.“

 

Dr. Ingo Koßmann: Verantwortungsbewusstes Verhalten im Straßenverkehr
Die Schlüsselrolle der Fahrschulbranche für die Verkehrssicherheit und damit für die Vision Zero unterstreicht auch Dr. Ingo Koßmann, Leiter der Abteilung „Verhalten und Sicherheit im Verkehr“ bei der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt):

 

„Für ein gutes Miteinander brauchen Gesellschaften Regeln. Dies gilt auch für den Straßenverkehr. Unsere Verkehrsregeln haben zum Ziel, Unfälle zu verhindern – so wie es auch das Leitbild der Vision Zero anstrebt. Die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer leisten einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zum verantwortungsbewussten Verhalten im Straßenverkehr – und damit zur Vision Zero.“
 

Von „Platz da“ zur Vision Zero
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts blieb das Straßenverkehrsrecht im Deutschen Reich wesentlich durch landes- und ortspolizeiliche Vorschriften der Einzelstaaten, Städte und Polizeibehörden geprägt, schildert Richard Goebelt die Entwicklung des Straßenverkehrsrechts. Mit dem Reichsgesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen von 1909 und der dazugehörigen Verordnung von 1910 seien erstmals reichseinheitliche Vorschriften für den Kraftfahrzeugverkehr geschaffen worden, die als Vorläufer des heutigen Straßenverkehrsgesetzes gelten.

Der entscheidende Fortschritt liege darin, Sicherheit nicht allein vom regelkonformen Verhalten des Einzelnen abhängig zu machen. Menschen machten Fehler. Und die Vision Zero nehme diese Tatsache ernst. Ein verantwortungsvoll gestaltetes Verkehrssystem muss laut Goebelt deshalb darauf ausgerichtet sein, dass solche Fehler nicht zu Tod oder schwersten Verletzungen führen: „Gegenüber 1825 liegt darin der entscheidende Perspektivwechsel. Die Berliner Bekanntmachung appellierte an Vorsicht, Aufsicht und Gehorsam. Die moderne Verkehrssicherheitsarbeit fragt zusätzlich: Ist die Infrastruktur fehlertolerant? Sind Geschwindigkeiten angemessen? Sind Fahrzeuge technisch sicher? Funktionieren Fahrerlaubnisprüfung, Ausbildung, Begutachtung und Überwachung? Werden Daten genutzt, um Risiken zu erkennen? Sind Assistenzsysteme, Software, Cybersecurity und automatisierte Fahrfunktionen über den gesamten Lebenszyklus sicher? Genau hier liegt die technische und gesellschaftliche Aufgabe unserer Zeit.“

 

Spielregeln als unsichtbares Fundament einer Gesellschaft
Kurzum: Ob klappernde Pferdehufe im Jahr 1825 oder leise Elektromotoren rund 200 Jahre später, es wird klar, dass sich zwar die Technologie verändert hat, aber das Fundament und damit die Spielregeln für eine funktionierende Gesellschaft auch im Bereich der immer anspruchsvoller und komplexer werdenden Mobilität absolut gleichgeblieben sind. Mobilität bedeutet Freiheit. Damit diese Freiheit jedoch für alle gilt, braucht sie klare Regeln. Erst diese schaffen den Rahmen und verantwortungsvolles Handeln füllt diesen mit Leben. Das bedeutet, erst regelbasiertes Verhalten im Verkehr, Sicherheit, Orientierung und ein respektvolles Miteinander auf den Straßen. Damit das Gesamtpaket funktioniert, braucht es jedoch Menschen, die die Regeln verstehen, vermitteln und verantwortungsvoll anwenden.

 

Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer agieren hier als entscheidende Multiplikatoren. Ohne sie ist eine sichere Mobilität nicht vorstellbar. Entscheidend sind daher auch künftig verantwortungsvoll agierende Fahrschulen, die professionelle „Übersetzungsarbeit“ zwischen Köpfen und Straße, sprich zwischen Recht, Technik und Verhalten leisten.

 

 

Zeitungsinformationen im Archiv unter https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/27913090/
 

Isabella Finsterwalder

 

 


 

 

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