30.09.2022© FahrSchulPraxis - Entnommen aus Ausgabe September 2022, Seite 560

Deutsche Wirtschaft: Widerstandsfähig und gestärkt aus der Krise

Der Nachwuchs ist die Stütze und die Zukunft der Gesellschaft. Auch in Krisenzeiten bleibt das Fakt. Vor diesem Hintergrund kommen vor allem auf Fahrschulen mehr denn je Herausforderungen zu; sie befinden sich schließlich am Puls der Jugend. So sollten sie die gegenwärtige Situation klar beurteilen und richtig einschätzen können, um als Multiplikatoren dem Nachwuchs aufzeigen zu können, in welche Richtung die Mobilität geht. Nachfolgend eine Bestandsaufnahme der wirtschaftspolitischen Lage.

 

Die Automobilindustrie durchläuft derzeit den wohl tiefgreifendsten Transformationsprozess ihrer Geschichte. Auf dem Weg zur Elektromobilität und digitalen Geschäftsprozessen kämpft die Branche zudem mit einer massiven Knappheit nicht nur bei Halbleitern, sondern generell mit Materialmangel. Laut ifo Institut berichten bereits mehr als 90 Prozent der Unternehmen der Autobranche, der Elektroindustrie und des Maschinenbaus darüber, dass sie nicht alle Materialien und Vorprodukte bekommen. Hinzu kommen Probleme in der weltweiten Logistik, besonders im Schiffsverkehr.

 

Die aktuellen Engpässe werden speziell auch die Autobranche laut einer Deloitte-Studie noch länger beschäftigen. Die von Deloitte befragten Finanzvorstände von Automobilherstellern und Zulieferern rechnen entsprechend mit Lieferkettenproblemen bis Mitte 2023. Neben den Engpässen bei Halbleitern haben auch der weiter anhaltende russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Sanktionen gegen Russland und die immer noch nicht beendeten Restriktionen in China angesichts der dortigen Null-Covid-Strategie zu einer Preiserhöhung bei Rohstoffen und Zwischenprodukten geführt. Der Automobilmarkt liegt derzeit daher insgesamt weiter unter dem Niveau von 2019. Laut Deloitte-Studie hat die globale wirtschaftliche Unsicherheit aufgrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine oder auch starker Inflation zudem immer noch das Potenzial für eine noch deutlichere Eintrübung bei den Fahrzeugverkäufen. Gleichwohl zeige die Branche trotz ihrer skeptischen Wahrnehmung der Lage ein respektables Niveau bei ihren Aktivitäten. Die Wirtschaftsprüfer schätzen, dass damit die aktuellen Probleme durchaus genutzt werden könnten, um sich widerstandsfähiger aufzustellen und sogar gestärkt aus den aktuell schwierigen Zeiten hervorzugehen (vgl. auch Interview am Ende der Seite).

 

EU-weites Verbrenner-Aus bis 2035

Nichtsdestotrotz sieht sich die Automobilbranche angesichts des EU-weiten Verbrenner-Aus unter starkem Beschuss. Mit dem Ende Juni beschlossenen faktischen Verbrenner-Aus verspielt die EU klar die Chance, Klima- und Industriepolitik zu vereinen, heißt es seitens des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). So seien die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausweitung der E-Mobilität weder mitgedacht noch mitbeschlossen worden. Außerdem fehlten die Rahmenbedingungen und klare Zielvorgaben, die die Voraussetzungen für den entsprechenden Hochlauf der E-Mobilität schaffen, besonders der Auf- und Ausbau der Ladeinfrastruktur, so der VDA weiter. „Die Elektromobilität ist ohne Frage die zentrale Säule, um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen, auch die Autoindustrie engagiert sich hier mit gewaltigen finanziellen Anstrengungen in Forschung und Entwicklung und dem Umbau von Werken. Die EU hat bisher aber keine ausreichenden Pläne dafür vorgelegt, wie die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass ab 2035 nur noch Elektroautos verkauft werden können. Wir empfehlen daher weiterhin dringend, dass erst in einem vollumfänglichen Review im Jahr 2028 anhand festgelegter Kriterien über die finale Zielsetzung nach 2030 entschieden wird“, resümiert VDA-Geschäftsführerin Hildegard Müller.

 

Unruhige Zeiten auch im Pkw-Verkauf

Ebenfalls ein klar eingetrübtes Bild zeichnen die jüngsten DAT-Barometer 2022. So stellte das DAT-Barometer in seiner April-Ausgabe bereits die ketzerische Frage „Die Zeit ist aus den Fugen?“, um zeitgleich unruhige Zeiten auf allen Ebenen zu konstatieren. Fakt sei nämlich: Neuwagenbestellungen können nicht getätigt werden, Fuhrparkleiter müssen ihre Verträge verlängern, Dienstwagenberechtigte fahren Poolwagen, Autovermieter bekommen keine Werksdienstwagen, und Vorführwagen sind weiter Mangelware. Nochmals weiter zugespitzt hat sich laut DAT-Barometer die Lage im Sommer. So heißt es dort klar: Der Automobilmarkt in Deutschland steht, was Zulassungszahlen und Besitzumschreibungen betrifft, deutlich auf der Bremse.

 

Jede Krise bietet auch ihre Chancen

Den Kopf angesichts der zahlreichen Widrigkeiten in den Sand zu stecken, ist für die Automobilbranche fehl am Platz, denn, so hat es unlängst ABB-Chef Björn Rosengren auf den Punkt gebracht: „Krise ist die neue Normalität“. In die gleiche Kerbe schlug jüngst auch Joe Kaeser, zwischen 2013 und 2021 Siemens-Chef und jetzt Aufsichtsratschef von Siemens Energy und Daimler Truck, der zudem einen klaren Auftrag an die Politik formuliert. „Wir brauchen eine neue Ehrlichkeit für eine Gesellschaft, die sonst das Wichtigste schon hinter sich hat.

 

Das ist politisch natürlich nicht gerade einfach. Aber vor dem Morgengrauen ist die Nacht immer am dunkelsten. Führung heißt auch Perspektiven aufzeigen und ehrlich die dazu notwendigen Maßnahmen zu benennen. Jede Krise bietet auch ihre Chancen.“ Dennoch wird in den Medien immer häufiger die Frage gestellt, ob das so erfolgreiche Wirtschaftsmodell „made in Germany“ am Ende sei, um dann in einem Atemzug die Frage unter einer Voraussetzung klar zu verneinen, nämlich, dass sich jeder Unternehmer wieder seiner eigenen Stärken und Tugenden besinnt. Gerade Fahrschulen, die am Puls der Jugend und damit der Zukunft sind, sollten sich also ihrer lenkenden Rolle sowie ihrer multiplikativen Stärke mehr denn je bewusst sein, so auch Jürgen Pieper von der Metzler Bank. Es gelte, die Jugend positiv auf die neuen Spielarten der Mobilität vorzubereiten, sie zu beraten und den künftigen Rahmen der Mobilität aufzuzeigen. Außerdem sollten sie, so verschiedene Experten weiter, auch in puncto rücksichtsvolles Miteinander verschiedener Verkehrsträger – vor allem von Auto- und Motorradfahrern – aufklären und mehr denn je schulen.

 

Fazit

Fahrschulen, die die skizzierte Marktsituation verinnerlichen und damit die entsprechenden Antworten jederzeit auf dem Schirm haben, haben sicher gute Chancen, weiter auf der Gewinnerstraße in die Zukunft zu fahren. Allerdings gilt auch hier beherztes Handeln, denn, so hat es schon der große deutsche Schriftsteller Erich Kästner formuliert: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Isabella Finsterwalder


Interview

Chefanalyst der Metzler Bank Jürgen Pieper im Interview - Große Herausforderungen bedürfen kluger Entscheidungen

Jürgen Pieper - © Foto: privat

 

Die deutsche Wirtschaft steht derzeit unter mannigfaltigen Herausforderungen. Metzler Bank Chefanalyst Jürgen Pieper empfiehlt den Fahrschulen daher, ihre Kunden mehr denn je rund um eine „vernünftige“ Nutzung des Automobils zu beraten sowie entsprechend zu entscheiden und zu handeln.

 

FPX   Krieg in Europa, die Folgen der Pandemie, Halbleiterkrise und Chipmangel: Wie beurteilen Sie die Situation ganz allgemein?

 

Jürgen Pieper   Wir befinden uns in herausfordernden Zeiten. Gleichwohl schlägt sich die deutsche Wirtschaft darin erstaunlich gut. Das bestätigt die vorhandene Resilienz der Akteure. Dennoch: „Es wirken derzeit zahlreiche negative Einflüsse auf die Volkswirtschaften Europas und damit auch auf Deutschland. Allen voran das Thema Inflation; das kennen viele von uns seit 30 Jahren nicht mehr. Hinzu kommt eine hohe Verschuldungssituation in der EU mit steigenden Zinsen und einem schwachen Euro. Auch die Eskalation der Konflikte aufgrund des russischen Angriffskrieges, die kletternden Preise oder auch die Folgen der Pandemie sorgen für ein negatives Umfeld, das das Vertrauen der Kunden in die Wirtschaft zunehmend sinken lässt.

 

Die Transformation der Automobilbranche ist ebenfalls in vollem Gang. Damit verbunden auch ein künftiges, EU-weites Verbrennerverbot: Was heißt das für die Branche – was für den Autofahrer und den „Mobilitätsnachwuchs“?

 

Die Klimakrise ist Fakt. Selbst Autofreaks erkennen die bedrohliche Situation. Ein faktisches Verbrenner-Aus bis 2035 sollte aus meiner Sicht zeitlich reichen, damit sich die Branche umstellt. Wir brauchen diese Zeitenwende. Gleichwohl bleibt nach wie vor die Etablierung eines umfassenden E-Ladenetzes vorerst die größte Herausforderung. Insgesamt sehe ich bei der jüngeren Generation mehr Offenheit gegenüber der E-Mobilität als bei manchen Älteren. Aber die Umstellung wird nicht einfach. Wahrscheinlich wiederholt sich hier einiges wie vor jetzt 136 Jahren, als das Auto erfunden bzw. eingeführt wurde.

 

Dennoch habe ich das Gefühl, dass nicht zuletzt aufgrund von Ölverteuerung und Gasknappheit die kritischen Stimmen zur E-Mobilität leiser werden, wenngleich die Gegner nach wie vor präsent sind. Zwar befürworte ich den Ansatz der Technologieoffenheit bei den Fahrzeugantrieben, allerdings gilt das für mich nur begrenzt, ist dieser Ansatz doch symptomatisch für Entscheidungslosigkeit und Opportunismus. Ich bin überzeugt, dass die Politik mit ihrem klaren Pro-E-Technologiekurs dem Kunden eine wichtige Orientierungshilfe bietet. Entsprechend müssen wir jetzt diese ausgewählte Technologie nach vorne treiben. Dabei werden sich meiner Überzeugung nach bisher nur unzureichend gelöste Aufgaben wie Batterieproduktion und -recycling sowie Reichweiten künftig besser lösen lassen. Die E-Fahrzeugpreise werden indes hoch bleiben.

 

Summa summarum: Das größte Problem der E-Mobilität bleibt das Ladenetz. Auch die geringe Bedienerfreundlichkeit von E-Fahrzeugen angesichts einer hohen Komplexität beim Laden bleibt weiter im Fokus der Kritik. Denn warum gibt es keine einfachen Lösungen? Hier ist Deutschland derzeit leider noch immer schlecht aufgestellt.

 

Wäre mehr Technologieoffenheit, z. B. E-Fuels oder BioCNG („Sprit aus Gülle“), nicht doch besser für die deutsche und europäische Wirtschaft, aber auch für den Verbraucher?

 

Grundsätzlich ja, aber … Die Industrie kann nicht alles parallel laufen lassen. Es muss sich schließlich rechnen. Außerdem ist die zuvor angesprochene Orientierung für den Kunden, damit dieser eine gewisse Sicherheit für seine Investition in der Zukunft und damit den künftigen Wert seines Autos hat, eminent wichtig.

 

Sehen Sie in Aktionen wie dem 9-Euro-Ticket eine tatsächliche Lenkwirkung in Sachen Mobilität und vielleicht sogar in Richtung energieeffiziente Mobilität?

 

Zumindest mit Blick auf das 9-Euro-Ticket sehe ich das so. Warum? Ganz einfach: Millionen Menschen haben das 9-Euro-Ticket angenommen. An dieser hohen Akzeptanz sehen wir doch, dass sehr viel für diese Aktion sprach. Allerdings war dieses Programm nicht nachhaltig, da es bereits ausgelaufen ist. Dennoch war es gut, so zu handeln, da über diesen Weg eine Diskussion in Gang gebracht wurde, die gezeigt hat, dass der ÖPNV bisher schlichtweg zu kompliziert und teuer ist. Gefragt sind einfache Mobilitätslösungen, die schnell und unbürokratisch umsetzbar sind. Der niedrige Preis der Tickets hat darüber hinaus bewirkt, dass die Menschen beispielsweise verinnerlicht haben, dass es klug ist, verschiedene Verkehrsmittel zu verschiedenen Zeiten bewusst zu nutzen. Das Auto ist nun einmal nicht unschlagbar – vielmehr gilt auch hier: alles zu seiner Zeit.

 

Wo sehen Sie vor dem Hintergrund einer effizienten Mobilitätsstrategie konkret die Rolle der Fahrschulen?

 

Fahrschulen sollten sich mehr denn je einen Ruf als Mobilitätsberater für umweltschonendes Fahren erarbeiten. So kann das Auto immer nur eines unter anderen Verkehrsmitteln sein. Es gilt, den künftigen Verkehrsteilnehmern zu vermitteln, dass das Auto entsprechend „vernünftig“ – sprich an die jeweiligen Mobilitätsumstände angepasst – genutzt werden sollte. Für mich spielen Fahrschulen damit eine entscheidende Rolle als Treiber, Multiplikator und Begleiter nicht nur der aktuellen, sondern vor allem auch der künftigen Mobilität. Gerade vor dem Hintergrund der aktuell angespannten Zeiten sollten sich die Fahrschulen also verstärkt auf ihr Kerngeschäft der Mobilität und damit auf eine exzellente Ausbildung des Nachwuchses konzentrieren.

 

Wie sehen Sie die Zukunft des Automobils und speziell der Fahrzeughersteller?

 

Das Auto ist keineswegs eine Totgeburt – im Gegenteil, es ist während der Pandemie nicht zuletzt beispielsweise als Schutzraum wieder attraktiver denn je geworden. Hinzu kommt, dass die Autobauer mit ihren zahlreichen hervorragend ausgebildeten Fachkräften meiner Überzeugung nach selbst gestärkt aus der Krise hervorgehen werden. So haben sie unisono erkannt, dass große Herausforderungen kluger Entscheidungen und Handlungen bedürfen. Kurzum: Mobilität, aber auch Sicherheit und Privatsphäre sind allesamt sehr wichtige Themen. Die individuelle Mobilität kommt dem sehr entgegen. Hier ist die Fahrschulbranche stärker denn je gefragt, dem Nachwuchs das notwendige Rüstzeug für die künftige Mobilität an die Hand zu geben. Angesagt für die Branche ist daher unbedingt Optimismus und kein Schlechtreden von Deutschlands bisheriger Vorzeigebranche.

 

Herzlichen Dank, Herr Pieper, für dieses Gespräch.

 


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