
UPDATE: Vergeudete Minuten
Vergeudete Minuten
Über unseren Landsmann Albert Einstein, der 1932 rechtzeitig aus Deutschland floh, erzählt man sich die folgende Geschichte: In seinen späteren Jahren sah man den Gelehrten oft stundenlang anscheinend untätig herumsitzen oder unbeteiligt über den Campus der Princeton University schlendern. Wenn man ihn fragte, was er denn tue, antwortete er schlicht: „Ich arbeite.“ Das darf man ihm glauben, denn ein Geist dieser schöpferischen Begabung und intellektuellen Größe nützt Zeiten der Muße zum Denken und Nachdenken – und das ist Arbeit.
In unserer durchgetakteten Welt ist Muße eher rar. Doch trotz vielfacher beruflicher und privater Verpflichtungen entstehen immer wieder kleine zeitliche Lücken, die man fürs Innehalten, Denken und Nachdenken nutzen könnte. Aber tun wir das auch? Oft scheint uns in diesen kurzen „Leerläufen“ nichts Besseres einzufallen als nach dem Handy zu greifen und zu checken, ob es vielleicht etwas Neues gibt. Unlängst war ich Gast einer Geburtstagsparty von Zwillingen. Ein Freund der beiden schloss in seine liebenswürdige, sehr gefällige Gratulation eine kleine Beichte ein, die uns alle berührte:
„Meine Frau und ich haben keinen Parkplatz direkt hier am Haus gefunden und mussten ein paar Minuten gehen. Und was habe ich getan? Ganz automatisch griff meine Hand in das Sakko und holte das Smartphone heraus. War da noch eine neue WhatsApp? Wann wird es heute Abend kühler? In diesem Moment fühlte ich mich unglaublich effizient. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich mich damit um etwas sehr Kostbares gebracht: um eine winzige Pause, eine Lücke, in der meine Gedanken hätten anfangen können, sich frei zu bewegen und sich den Jubilaren zuzuwenden.“
Er hat recht: Die digitale Welt muss lernen zu warten. Wir müssen den smarten Tausendsassa öfter mal in der Tasche lassen. Keine Sorge, noch ist er nicht smart genug, deshalb beleidigt sein zu können. Wir müssen vor allem die Herrschaft abwehren, die der Cyber-Gott über uns zu gewinnen sucht.
Der schwedische Autor, Forscher und Unternehmer Peder Söderling titelte einen seiner klugen Essays „The Productive Value of Idle Moments“. Auf Deutsch etwa: “Der produktive Wert von Momenten der Muße.” Söderling hält diese Momente für einen elementaren Teil der „Architektur unseres Denkens“ und nennt es das freie Wandern unserer Gedanken. Sehr anregend, nicht wahr?. GLH et al
